Gert Fiedler

Echinger Gschichtn

Wo 1950 rund 2.000 Einwohner gezählt wurden, leben heute über 15.000 Menschen. Eching kann auf rund 4.000 Jahre nahezu kontinuierliche Besiedlung zurückblicken. Doch wer sind die Echinger eigentlich? Längst kennt nicht mehr jeder jeden.

In der Serie „Auf an Ratsch…“ wollen wir Ihnen die bekannten und unbekannten Persönlichkeiten unseres Ortes vorstellen.

Der erste Echinger Ratsch führt mich zu Gert Fiedler.

Der gebürtige Franke gilt nach 45 Jahren, nicht nur wegen seines großen sozialen Engagements, als eingebürgert.

Kennengelernt habe ich Gert Fiedler bei einem meiner ersten Einsätze als „rasende Reporterin“. Er war der erste (und bisher einzige Kollege), der mir freundlich und offen begegnete. Er gab mir – dem Greenhorn- sogar einige Tipps wie ich meine Berichterstattung aufwerten könne. Umso mehr freut es mich, nun über ihn berichten zu dürfen.

In Zeiten von Corona ist ein persönliches Treffen weder zu empfehlen noch erlaubt. Doch wie sollten wir dann bitte richtig ratschen? Völlig unkompliziert schlug mir der 74jährige einen „Ratsch“ via Videotelefonie vor. Natürlich hatte ich darüber auch schon nachgedacht, aber ich hätte mich wohl nie getraut einen Mann des Jahrgangs 1946 danach zu fragen. Er schmunzelt, als ich ihm erzähle wie überrascht ich über seinen Vorschlag war. Schon immer habe er sich für Technik interessiert und den Anschluss bis heute nicht verloren. Der ehemalige Commodore VC20 Besitzer betreibt heute eine eigene Wordpress- Website und einen Twitter- Account. Gert Fiedler ploppt am Bildschirm vor mir auf. Gut gelaunt begrüßt er mich mit einer Tasse Kaffee. Wir stellen beide fest, dem aktuellen „Homeoffice- Mode- Trend“ zu folgen: Oben Hemd unten Jogginghose. Die Stimmung ist ausgelassen und ich lausche gespannt Gert Fiedlers Geschichten.

Aufgewachsen ist er im, noch vom Krieg gezeichneten, Nürnberg.

Als Einzelkind musste er sich bereits früh einbringen und als kleiner „Bembes“ die Familien- Milchkanne an den damals noch üblichen Zapfhähnen füllen. „Häuserruinen und komplett zerstörte Gebäude gehörten damals noch zum Stadtbild.“, für ihn die Normalität, erklärt er mir schulterzuckend.

„War halt so…“, sagt er fast schon spitzbübisch und lächelt mich an.

Nach der Ausbildung zum Werkzeugmechaniker erhielt Fiedler, wie alle jungen Männer damals, den Einzugsbescheid. Doch er entschied sich gegen die Bundeswehr.

„Der Bundesgrenzschutz schien mir damals die bessere Wahl zu sein – nicht zuletzt wegen der besseren Bezahlung.“

So kam der junge Franke dann 1965 nach Coburg, wo er im darauffolgenden Jahr sein liebevoll genanntes Götterweib traf. Geheiratet hätte er sie sofort, doch unter 21 Jahren war dies damals leider nicht so einfach.

Gert Fiedler blieb geduldig und lies sich zum Zugführer ausbilden. Im Frühjahr 1970 war es dann endlich soweit: In Nürnberg gab er seiner Angebeteten das Ja- Wort.

Frisch vermählt mussten die Beiden bereits eine weitreichende Entscheidung treffen. Wie sollte es mit der Laufbahn des jungen BGSlers weitergehen?

Er konnte die Offiziersschule in Lübeck besuchen oder sich der Fliegerei anschließen. „Lübeck kam für mich nie in Frage, dafür liebe ich Bayern viel zu sehr.“, bergründet er heute lachend seine Entscheidung. Begeistert war sein frisch angetrautes Götterweib nicht, aber sie stimmte zu.

Damals galt noch mehr als heute:


„Fliegen bedeutet Freiheit. Du steigst in die Maschine und die Welt gehört dir“.

6 Monate nach der Hochzeit begann Gert Fiedler dann die 9monatige Ausbildung zum Hubschrauberpiloten. Wieso diese Ausbildung heute über 2 Jahre dauert, frage ich mich. „Wir kannten damals keinen Autopiloten oder backsteindicke Checklisten. Die Fliegerei war eine Andere als wir sie heute kennen“, erklärt er mir.


Puma - Rettungsübung

Doch die Ausbildung war nicht minder anstrengend. 24 Stunden reichten oftmals nicht aus und die Tage wurden einfach um ein paar Stunden verlängert.

Fiedlers Kommandeur, ein ostpreußischer Junker, war ebenfalls nicht immer einfach. Dennoch, so gibt er heute zu, war eben dieser stoische Vorgesetzte, eine der prägendsten Personen in seinem Pilotenleben. Nach der Ausbildung musste eine neue Homebase gefunden werden. Fiedlers Rufe nach Bayern wurden erhört und ihm wurde angeboten nach Oberschleißheim zu gehen. Schon damals war klar, keine Entscheidung ohne Rücksprache mit seinem Götterweib. „Das wussten Alle damals. Entscheiden kann ich mich erst nachdem ich mit meiner Frau gesprochen habe.“, lacht er. Oftmals wurde er deswegen belächelt, doch nach 50 Jahren Ehe kann er darüber mittlerweile lachen.

1971 zogen die Fiedlers dann nach Neufahrn. Der junge BGSler war von nun an mit der Grenzerkundung und -überwachung betraut.

„Damals hatten wir ja noch einen Feind“, erklärt er mir. Dieser war neben der DDR und auch die damalige Tschechoslowakei. Die Grenze von Passau bis nach Coburg kannte Fiedler wie seine Westentasche. Als er die Sperranlagen der Grenzwachhunde fast genau beziffern konnte, beeindruckte er auch seine Vorgesetzten nachhaltig.

Mit den amerikanischen Besatzungskräften arbeitete der BGS damals eng zusammen. „Die hatten immer das Beste Essen“, schmunzelt Fiedler.

Immer öfter durfte Gert Fiedler die damalige Politikprominenz durch die Gegend fliegen. „Kanzler Schmidt, Helmut Kohl, Georg Leber und wie die Jungs damals alle hießen“, berichtet er mir beiläufig. „War halt so.“

Nur Franz Josef Strauss durfte nicht neben Fiedler Platz nehmen. „Das war Landespolitik, der hatte seine eigenen Leute.“

Auch bei den olympischen Spielen 1972 flog Fiedler über Münchens Himmel.

Es sollten zum ersten Mal Bilder aus der Luft ausgestrahlt werden.

Wie dramatisch diese Aufnahmen werden würden ahnte damals noch niemand. Im Dienst erfuhr Fiedler von dem schrecklichen Attentat und wurde sofort abgezogen. Die TV- Übertragungsmaschine des BGS erhielt strikte Anweisung sich vom olympischen Dorf fernzuhalten, um die Terroristen nicht unnötig zu provozieren.

„Niemand war auch nur annährend auf eine solche Extremsituation vorbereitet. Wir erflogen damals die Regeln, die heute gelten.“

Letztendlich wurden drei Hubschrauber nach Fürstenfeldbruck geschickt, wo die Geiselnahme bekanntermaßen beendet werden sollte. Fiedler war an diesem Tag nicht im Einsatz, zu seinem Glück. Die Befreiungsaktion endete bekanntlich mit einer großen Schießerei. Ein Flugkamerad Fiedlers wurde schwer verletzt und ein Hubschrauber gesprengt. Tief beeindruckt von den Erlebnissen wandte sich Fiedler wieder den Rettungsflügen zu. Er war einer von 7 Rettungspiloten, die „Christoph 1“ zu den Rettungseinsätzen flogen.

Auch das darauffolgende Jahr sollte ein prägendes für Fiedler werden.

In der Nähe von Kroneberg nahe Frankfurt stürzte er ab. Schwerverletzt wies Fiedler seine Kollegen an, sofort seine Frau zu informieren. „Hätte sie es auf dem offiziellen Wege erfahren, wäre die Hölle los gewesen.“, erklärt er mir. Noch heute ist er dankbar für die schnelle und engagierte Hilfe, die er damals erhalten habe. Der zuständige Operateur habe mehrere Stunden an seinem linken Arm verbracht, welchen er um ein Haar verloren hätte.

Lange Zeit brauchte er um dieses Trauma zu überwinden. „Was mir geholfen hat, war die Tatsache, dass der Absturz ein technischer Defekt war. Ich hatte nichts falsch gemacht, das machte es einfacher.“, resümiert er heute. Traumbewältigung oder gar ein Hilfenetz gab es damals leider noch nicht und so hieß es einfach weitermachen –„War halt so.“

6 Monate nach dem Absturz stieg Fiedler wieder in das Cockpit eines Hubschraubers. 40 Knoten Wind ließen den Kreiselflug des Absturzes plötzlich real werden. Langsam tastete er sich in den normalen Flugalltag als Rettungspilot zurück.

1974 wurde Fiedlers Tochter geboren. Das Familienglück rückte die schweren Erlebnisse in den Hintergrund. Die kleine Familie siedelte nach Eching um, wo sie bis heute ihren Lebensmittelpunkt hat. Grund des Umzugs war damals, ganz pragmatisch, die einfachere Anreise zum Dienstort mit dem Fahrrad.

1975 Rettungsdienst, Freising, Wegener Bell-FS

Der Rettungspilot flog weiter seine Einsätze und erlebte auch hier teils intensive Szenen. „Am Wichtigsten war und ist noch immer möglichst schnell Hilfe sicherzustellen, abseits von den eigenen Befindlichkeiten.“

Mit dem Mauerfall endete auch die Zeit des Bundesgrenzschutzes.

Die BGSler kamen zur Bundespolizei. Fiedler blieb nach wie vor auch Rettungspilot.

1994 wurde Fiedler mit der Öffentlichkeitsarbeit der Fliegerstaffel betraut, er wurde Pressesprecher. Im Rahmen dieser Tätigkeit gründete er auch „das Flugblatt“, das erste interne Magazin des Stützpunktes. Die Begeisterung seiner Vorgesetzten hielt sich in Grenzen. Als Revoluzzer aber sähe er sich nicht.

„Aber meine Grenzen habe ich gerne mal ausgetestet und am Lack der Vorgesetzten gekratzt.“, zwinkert er. Schließlich komme er aus einer Zeit, in der ein Ohrring bereits zum Revolzzertum gehörte. Bis zum Ministerium wurde das neugegründete Magazin diskutiert. Fiedler sollte Recht behalten und die Zeitschrift erschien fortan monatlich.

Noch immer schreibt er leidenschaftlich gerne. Im Zeitungskreis Eching, sowie online, veröffentlicht er nach wie vor spannende Geschichten und aktuelle Artikel.

In dem Jahr , in dem Fiedler die Schreiberei für sich entdeckte wurde in Berlin die „Stiftung Mayday“ gegründet. Eine Stiftung von Piloten- für Piloten. Die Stiftung soll Flugpersonal bei traumatischen Erlebnissen Halt geben und ein Sicherheitsnetz bieten. 5 Jahre nach deren Gründung sollte Gert Fiedler auf der Aero- Ausstellung in Hamburg, Hans Rahmann, einen der Mitbegründer, treffen. Die Stiftung war auf der Suche nach einem Hubschrauberpiloten, der sich im Raum Bayern engagieren würde. Auf Grund seiner eigenen Erlebnisse und seiner ausgeprägten sozialen Ader lies sich Fiedler natürlich nicht zweimal bitten. Bis heute ist er in der Stiftung aktiv.

Seine Aufgaben erklärt er mir kurz:

„Es muss nicht immer ein tragischer Unfall sein. Man stelle sich einfach mal eine blutjunge Stewardess vor, die plötzlich ihren ersten Toten in der Businessclass sitzen sieht. Da ist es wichtig, sie im Anflughafen zu empfangen und sie entlang der Regularien an der Hand zu nehmen.“, erklärt mir der erfahrene Pilot. Er hätte sich damals auch so ein Netz gewünscht, das ihn vielleicht schneller zurück in den normalen Flugalltag gebracht hätte.

Ab den 2000er Jahren leistete Fiedler vermehrt internationale Hilfe.

Die Göttergattin, ebenfalls mit dem „fiedlerischen Reise-Gen“ ausgestattet, wollte meist gerne mit auf die Einsätze abroad. Doch leider war dies nicht oft möglich.

Ob bei den großen Überflutungen in Mosambik oder bei den schweren Waldbränden in Frankreich und Portugal am Jahr 2001, Gert Fiedler war vor Ort um Hilfe zu leisten.

Feuerlöschen in Portugal

Er erklärt mir, dass sein Löschhubschrauber niemals das Feuer selbst löscht. Er löscht vor dem Feuer um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Wasser war natürlich Mangelware. So steuerte Fiedler kurzer Hand die umliegenden Hotels an und leerte die Swimming Pools. Sonnenschirme flogen hoch in die Luft als der Hubschrauber zum „Tanken“ ansetzte.

„Natürlich waren die Hotelgäste nicht begeistert. Aber was sollten wir machen?

War halt so…“

Als ich Gert Fiedler nach seinem schönsten Flug frage, wird er nachdenklich.

Der ruhigste und friedlichste Flug war tatsächlich ein sehr

trauriger. 1975 ist ein Kollege von Fiedler mit „Christoph 1“ an einem Maibaum hängen geblieben und abgestürzt. Alle Insassen schwerst verletzt. Fiedler war einer der ersten Helfer vor Ort. ER brachte den zu 85% verbrannten Piloten in die BG- Unfallklink für Schwerbrandverletzte nach Ludwigshafen.

„Der Flug war unglaublich ruhig. Das Wetter perfekt. Wir flogen in den Sonnenuntergang hinein.“, vielleicht ein Zeichen, denn der Pilot überlebte den Absturz nicht.

2006 ging Gert Fiedler dann in den wohlverdienten Ruhestand. 40 Jahre lang hat er die 1.200 g schwere Dienstwaffe am Halfter getragen. Einsetzten musste er sie zum Glück nie.

Auch nicht bei einem seiner letzten Einsätze in Afghanistan. Fast ein Jahr war Fiedler im Auslandseinsatz.

„Das schönste daran war eigentlich der Besuch meiner Frau.“, erinnert er sich.

Die Göttergattin, ebenfalls mit dem „fiedlerischen Reise-Gen“ ausgestattet, wollte ihren Mann meist begleiten.

Leider war dies nur selten möglich. Umso mehr genossen sie die Zeit in Afghanistan.


Zu Besuch in Kabul

„Ich bin sehr dankbar für die Arbeit die ich leisten durfte. Nicht jeder Job ist so interessant und vielseitig, wie meiner es war.“, resümiert Gert Fiedler nachdenklich.

Wieder kommt er auf die Göttergattin zurück. Denn all dies wäre ohne den familiären Rückhalt nicht möglich gewesen. „Meine Frau war stets mein Anker. Sie hat mir den Rücken freigehalten und mich immer unterstützt. Andernfalls wären diese Erlebnisse, dieses Leben keinesfalls möglich gewesen. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein.“, erklärt er mir.

Einfach war es für ihn nicht, den Steuerknüppel aus der Hand zu geben. „Das ist halt so, das muss man einfach akzeptieren.“ Doch ab und an blickt er noch sehnsüchtig in den Himmel hinauf und schwelgt in Erinnerungen, gibt er zu.

Mit einem Privatflugschein in der Tasche und einer ebenso reisefreudigen Frau wird aber auch der Ruhestand nicht langweilig.Ferne Länder, fremde Kulturen haben es ihnen angetan. Weit bereist würde ich sie bezeichnen. Sie haben die aufgehende Sonne in China zusammen bewundert. Trolle und Elfen in Norwegen oder in Irland gesucht. Goldene Pagoden in Myanmar bewundert, Burger in Amerika gegessen und sind zusammen über den Nordatlantik geschippert.

Unglaublich lausche ich Gert Fiedlers Erzählungen.

„War halt so.“

Lacht er mich schulterzuckend an.

Ihre goldene Hochzeit haben sie in Norwegen gefeiert. Auf den Spuren der nordischen Schriftsteller. Mit Bahn und Schiff erkundeten sie die unendlichen Weiten bis hin nach Bergen.

Beim gemeinsamen Sport bleiben die Beiden fit.

Doch nicht nur international sind die Fiedlers unterwegs.

Der Verein „Älter werden in Eching“ wird von Fiedlers bereits seit Jahren unterstützt.

Seit diesem Jahr ist er sogar im Vorstand des Vereins.

Auch im Asylkreis der Gemeinde kennt und schätzt man Gert Fiedler.

„Wie soll sich jemand aus einer fremden Kultur denn im Bürokratie-Dschungel Deutschland zurecht finden? Da kann man schon ein bisschen helfen.“, begründet er sein Engagement.

„Vielleicht liegt es an meiner christlich-helenischen Erziehung, aber „Soziales Engagement steht jedem gut zu Gesicht“, lächelt er mich an.

Nach fast 2 Stunden beenden wir unseren virtuellen Ratsch. Tief beeindruck denke ich lange über unser Gespräch nach. Gert Fiedlers Erlebnisse würden wohl für 5 Leben reichen, schwirrt es mir durch den Kopf. „War halt so“, hallt es in meinem Kopf nach und ich muss lächeln. Wenn ich in 43 Jahren auch nur halb so entspannt und cool bin wie Gert Fiedler heute, dann wäre ich schon zufrieden.

Für Sie berichtete Katharina Raeck