Zwischen Familienglück und Wahnsinn!

Wenn der Sinn des Lebens 24 Stunden auf einem hockt…


Nun sitzen wir alle im selben Boot: Helikoptereltern genauso wie Rabeneltern.

Ganze 5 Wochen lang dürfen wir uns nun, rund um die Uhr, um unseren Sinn des Lebens kümmern.

Gemischte Gefühle machen sich breit und die Eltern spalten sich, nun mehr als je zuvor, in zwei Lager:

Die „Hippie- Eltern“, die sich freuen, die selbst angelesenen pädagogisch wertvollen Homeschooling- Skills endlich inperson am Nachwuchs testen zu können. Diese Elterngruppe wird natürlich stark supportet, am meisten von Usern ohne Kinder. oder Menschen über 60, die die Anstrengungen, die Kindererziehung mit sich bringt, bereits vergessen und/oder verdrängt haben.

Die andere Gruppe nenne ich „Burnout-Eltern“- Eltern, die sich vorab gegenseitig bemitleiden und welche die unter der Hand nicht mit Klopapier, sondern mit Baldrian und Alkohol dealen. Die Aussicht auf die nächsten Wochen sorgt hier bereits vor Schließung der Einrichtungen für schlaflose Nächte.

Zu welcher Elterngruppe ich gehöre, weiß ich noch nicht. Im „normalen Leben“ verliere ich gefühlt viel zu oft die Nerven und werde auch mal laut. Doch so die nächsten fünf Wochen verbringen? Ich will schließlich keine Burnout- Mutter sein.

In den Tag starte ich positiv. Ich möchte meinen Kindern mit Verständnis, Geduld und Liebe begegnen - das ist der Plan. Doch der bayrische Lehrplan droht meine Pläne zu durchkreuzen.

Wochenpläne wurden verteilt, Onlinezugänge freigeschalten und Hausaufgaben aufgegeben. Schließlich sind keine Ferien, die Schule ist nur geschlossen. Genauso wie die meisten Arbeitsstellen, die die Arbeit nur ins Homeoffice verlegt haben. Wie das funktionieren soll, kann ich mir allerdings noch nicht vorstellen. Vielleicht sperre ich mich im Bad ein um mal eine halbe Stunde in Ruhe Mails zu beantworten. Doch noch ist es nicht soweit, nun müssen wir uns erst mal um die schulischen Belange kümmern. Wieder bin ich froh, nur ein schulpflichtiges Kind zu haben. Meine Gedanken gehen an Eltern, deren Kinder nicht mit einem Altersunterschied von 7 Jahren gesegnet sind.

Schule war bei uns noch nie ein „Selbstläufer“, viel zu oft hatten wir deswegen großen Ärger – zuhause, wie in der Schule.

Doch es hilft alles nichts. Die Wissenslücken müssen während „der Krise“ geschlossen werden, sodass der kommende Übertritt möglichst problemlos verläuft.

Wir beginnen mit Mathe und ich brauche erst einmal geschlagene 30 Minuten um wirklich zu verstehen, wie unsere Kinder nun rechnen müssen. Ausdrücklich wurde uns von der Schule untersagt, die von uns damals erlernten Rechenwege zu nutzen.

Die Kinder multiplizieren und dividieren heute anders.

Während ich versuche mir die neuen Rechenschritte logisch zu erklären, knallt das Schulkind seinen Wohnungs- Fussball immer wieder und unermüdlich gegen seinen Schrank.

BUMM – BUMM – BUMM

Helfen kann er mir nicht – er checke es ja selber nicht, erfahre ich beiläufig.

Der kleine Mann buhlt währenddessen um meine Aufmerksamkeit. Mit großen Augen schaut er mich an und ruft immer wieder: „Mama, Mama – Kacka“.

Endlich habe ich ihn überzeugt, dass die Kacka- Problematik aktuell zum Aufgabenbereich seines Vaters gehört.

Er zieht von Dannen und erklärt Papa lautstark, dass er noch nicht bereit wäre sich wickeln zu lasse.

Schnell schließe ich die Tür.

Aktuell nicht mein Problem!

Das Desinteresse und die Lustlosigkeit des Schulkindes beginnt langsam, aber sicher an meinen Nerven zu zerren.

Still sitzt er nun neben mir, schaut aus dem Fenster und träumt von besseren Zeiten. Zeiten ohne Hausaufgaben, voller Spiel, Spaß und Chips.

Endlich habe ich das „Geteilt- Rechnen“, wie ich es damals noch in der Grundschule genannt habe, verstanden.

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Ich schreibe die ersten Aufgaben auf und erkläre den mir gerade angeeigneten Rechenweg ruhig und sachlich.

Ich gehe auf die Fragen ein, zeige immer wieder Beispiele auf, aber die Begeisterungsfähigkeit meines Sohnes hält sich noch immer in Grenzen.

Nach ausreichend Demonstration, Erklärung und Hilfestellung lasse ich ihn in Ruhe arbeiten und kümmere mich um die seit Stunden piepsende Waschmaschine.

Nach 15 Minuten höre ich wieder dieses Geräusch.

BUMM – BUMM – BUMM

Ruhig bleiben lautet die Devise.

Er komme nicht weiter, lautet die Antwort auf meine Frage wieso der Fussball reaktiviert wurde.

Wieder setzen wir uns gemeinsam hin und versuchen die Aufgaben zu lösen. Mir wird klar, dass kann nur funktionieren, wenn ich kontinuierlich neben ihm bleibe. Doch in der Schule sitzt ja auch nicht immer einer nebendran und begleitet jeden Bleistiftstrich?

Mal wieder ein pädagogischer Zwiespalt.

Nach 45 Minuten merke ich, wie die Nerven dünner werden und meine Hippie- Vorsätze sich in Luft auflösen. „Versteh ich nicht, versteh ich nicht.“, ist die einzige Antwort auf meine so motivierten Erklärungsversuche.

Wir wechseln zu Deutsch. Hier kann ich wirklich punkten, dachte ich.

Namen-Wörter, Wie- Wörter und Tun- Wörter gibt es hier nicht. Die kleinen Gehirne müssen sich nun schon von Anfang an die Lateinischen Begriffe einprägen. Kindgerecht? Schwirrt es mir durch den Kopf.

Wir einigen uns auf ein Diktat. Doch egal wie ich es mache, ich „kann es einfach nicht“. Mal bin ich zu schnell, mal zu langsam. Mal zu laut und mal zu leise.

Die vor pubertierende Diskussionswut meines 9 Jährigen treibt mich an meine Grenzen. Gut, dass auch Vatti zuhause ist. Ich übernehme „Mr. Kacka“ und übergebe den Wochenplan an meinen Mann.

Bereits zur Mittagspause sind wir Beide am Ende unserer Kräfte und überlegen angestrengt wie wir die Kinder am besten verkaufen könnten.

Wie oft haben wir darüber gesprochen, wie toll es sei endlich individuell fördern zu können? Wie oft haben wir die Kompetenzen der Lehrer in Frage gestellt.

Jetzt um kurz nach 13:00 Uhr, dreht sich die Welt anders. Wir stellen vielmehr uns in Frage. Die Hippie- Mutter in mir ist tot. Die Burnout- Mutter erwacht und liebäugelt mit der Flasche Wein am Küchentresen.

Um den Familienfrieden zu wahren, beschließen wir in den Garten zu gehen. Denn unglaublicher Weise kam mit Corona, auch das schöne Wetter zu uns.

In weiser Voraussicht hat unser Familienrat beschlossen ein Gemüsebeet anzulegen. Nicht aus Angst zu verhungern, sondern um ein gemeinsames Projekt zu haben. Dieses Projekt schafft nun ungeahnte ABM- Maßnahmen für alle Familienmitglieder.

Der Druck verschwindet.

Das Kleinkind schippert unermüdlich Erde quer durch den Garten. Sein kleiner Plastik-bagger übernimmt die Abfuhrarbeiten.

Der unnahbare Fast- Teenager hat seinen Widerwillen am Schreibtisch liegen lassen und lässt sich nun ohne Widerworte erklären, wie man ein Beet am Besten umgräbt.

Die Hippi- Mutter meldet sich zurück. Genau, das ist das was ihm Spaß macht, wofür er sich begeistern kann. Beiläufig frage ich ihn noch ein paar Matheaufgaben bezogen auf das Beet – die Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen. Er hat wohl nicht einmal gemerkt, dass es sich dabei um Mathematik gehandelt hat.

Ich nehme mir fest vor den Heim- Unterricht das nächste Mal anschaulicher zu gestalten.

Mit vollem Eifer macht er sich an die Arbeit. Auch Vatti verzichtet auf die virtuelle Landwirtschaft und zeigt seine Muskeln, während er mit der Spitzhacke versucht einen Baumstumpf zu bezwingen. Plötzlich sehe ich ihn in ganz neuem Licht. Vielleicht sind es die Urinstinkte, vielleicht auch die Pheromone, die durch den Garten fliegen, aber als die frischen Schweißperlen seinen bebenden Körper hinunter laufen, überlege ich kurz ihn hinter die Büsche zu ziehen.

Alle sind beschäftigt, alle glücklich zusammen was zu schaffen.

Erst als wir spät abends wieder zurück in unsere Wohnung gehen, entlädt sich der frisch aufgeladene Akku in Rekordzeit und die „Burnout- Mutter“ kommt mit voller Kraft zurück.

Eine Sekunde nicht aufgepasst und es wird ausgelassen mit den vor Erde triefenden Gummistiefeln auf der Couch gesprungen.

Mein Akku hüpft von 90 auf 40 % herunter.

Ich versuche nicht zu schreien. Ruhig, ruhig! Doch die Aussicht auf eine Nachtschicht mit Staubsauger und Wischlappen lassen den Akku um weitere 20% fallen.

Man könnte ja meinen die frische Luft und die harte Arbeit haben die Kinder müde gemacht. Nein, dem ist nicht so!

Bis alle abgefüttert, frisch gebadet und bettfertig sind vergeht eine gefühlte Ewigkeit.

Der geplante Familien- Spieleabend lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Viel zu schwer sind meine Augenlider schon. Der beste Freund einer Rabenmutter ist und bleibt noch immer der Fernseher. Das Kleinkind kuschelt sich schon in sein Bettchen während der Große sich unendlich freut endlich die neue Staffel von „Pokemon“ anschauen zu können.

Ich gebe mich geschlagen, eine komplette Hippie- Mutter bin ich nicht, aber auch eine „Burnout- Mutter“, schließlich ist der Wein noch zu.

Es ist ein Kampf, jeden Tag aufs Neue. Wir alle wollen gute Eltern sein, doch viel zu oft kollidieren die guten Vorsätze mit der Realität.

Es heißt einfach weitermachen, die guten Momente zu schätzen wissen und sein Bestes zu geben.

Auch ich kann nicht sagen, wie es sich die nächsten Wochen entwickelt und ob ich am Ende nicht irgendwann die Nerven verliere und alle mit einem kollektiven Zimmerarrest abstrafe. Doch ich versuche positiv zu bleiben. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und auch wir werden uns irgendwie an die neue Situation gewöhnen. Ich werde berichten, vielleicht auch irgendwann aus der Nervenheilanstalt 😊

(veröffentlicht am 31.03.2020 im Neufahrner Echo - IKOS Verlag)