Tagebuch einer Strohwitwe

Er ist weg...

und ich bin wieder allein, allein...

Seit Anbeginn unserer Zeit ist mein Liebster mind. einmal pro Jahr für mind. 4 Wochen weg,

um die Schärfe irgendeines großen Sportereignisses zu garantieren -

darauf bin ich auch mächtigst stolz und nach wie vor sein größter Fan :-).

Normalerweise sind die ersten 1-2 Wochen für mich immer die Schlimmsten

und für ihn immer die Besten.

Ich vermisse ihn schrecklich - und er genießt erstmal die zurück erlangte Freiheit.

Je länger er weg ist, desto leichter wird es normalerweise für mich -

wir Zuhausegebliebenen haben uns an die Situation gewöhnt

und einen eigenen Alltag kreiert.

Vati allerdings beginnt uns zu vermissen und wartet

meist ungeduldig auf das Ende im "Off".

Wir haben das bis jetzt auch immer gut hingekriegt.

Bis jetzt...

Bis zur Frauen- WM 2019 in Frankreich...

3 Wochen auf mich allein gestellt.

Wie gesagt,

normalerweise kein Problem...

Dieses Mal hat mich allerdings ein wahrer Scheiße- Sturm getroffen

und zwar die mitten in die Fresse rein *sing*

Aber beginnen wir von vorne...

Tag 1 (Abfahrt)

Abfahrtstage sind nie sonderlich gute Tage.

Ich schleiche meist noch leise um ihn herum um seine Anwesenheit

noch ein letztes Mal zu genießen,

während er angestrengt die Packliste zum 100ten Mal durchgeht um nichts zu vergessen

- Ja, 6 Wochen Südkorea ohne Socken haben Spuren hinterlassen -.

Der Abschied schwebt irgendwie in der Luft,

was wir beide bis zur letzten Minute versuchen zu ignorieren.

Der letzte gemeinsame Abend war wieder eine "Date-Night" und so konnten wir am Morgen ausschlafen und noch ein bisschen Zweisamkeit genießen.

Dachten wir...

Um 08:30 Uhr wurde unsere Ruhe gestört,

mein Handy klingelte,

die Schule,

der Große hätte starke Bauchschmerzen und müsse abgeholt werden.

Hätte ich nicht gewusst, dass die Klasse genau zu dieser Zeit auf dem Weg zur Bücherei sein musste um die ausgeliehenen Bücher abzugeben

und wären diese Bücher nicht noch verstreut im Kinderzimmer gelegen,

(die Klassenlehrerin hat mir empfohlen mich ein paar Wochen lang NICHT aktiv um die Schulsachen zu kümmern - zwecks Lerneffekt),

hätte ich mir wohl mehr Sorgen gemacht.

Die Bauchschmerzen waren mit Ankunft zuhause auch plötzlich wie weggeblasen

und Vatti wurde beim Packen mit Fragen gelöchert.

Unser Abschiedsfrühstück fand nicht wie geplant gemütlich auf dem Balkon statt,

sondern auf dem Parkplatz,

während 3 Kinder darauf warteten ins Auto gepackt zu werden.

Ja, 3 Kinder!

Eine Freundin hat mich vor Monaten schon gebeten an diesem Tag als Babysitter einzuspringen.

Und da diese Freundin keine Notfall- Oma in der Nähe hatte und ich weiß wie wichtig manchmal ein einfacher Friseurtermin sein kann, wollte ich auch nicht absagen.

Unser Großer hat auf der Fahrt durch den Münchner Verkehrs- Wahnsinn noch eine ordentliche Standpauke kassiert, da die Fake- Abholung die 5te in diesem Jahr war und es so nicht weitergehen konnte. Wir verkündeten sogar mit ernster Miene ihn nächstes Mal nicht mehr abzuholen.

Vattis Abschied war kurz und knapp im Halteverbot des Hauptbahnhofes.

Ein Abschiedsselfie, ein kurzes Küsschen und weg war er...

Und so stürzte mich allein mit den Kindern wieder in den Verkehrsdschungel -

bei mir, die ihren Führerschein in einem 12.000 Seelendorf gemacht hat,

Stresslevel hoch 10.

Zuhause angekommen, die Kinder ausgepackt,

den Briefkasten leerend erwartete mich die erste Überraschung:

Das Zentrum Bayern für Familie und Soziales hat uns geschrieben.

Ich musste erfahren, dass mein Mann eigentlich für umsonst

4 Wochen arbeiten gefahren war.

Zuflussprinzip im Zusammenhang mit Selbstständigkeit und Elterngeld.

Spannend und informativ,

das Lehrgeld dazu war pünktlich zum Ende der Frauen- WM fällig.

Aber hey, immerhin waren wir alle gesund!

Tag 2

Ablauf wie immer:

Aufstehen, Frühstück machen, den Großen zur Schule schicken,

den Kleinen wickeln, umziehen und dann.....

Dann klingelte wieder das Handy.

Wieder die Schule...

Ich müsste den Großen wieder abholen, er sei wieder krank.

Kurz und bündig erklärte ich der Sekretariatskraft, dass mein Kind heute früh

und auch gestern putzmunter war und ich ihn nicht abholen würde.

Nüchtern beendete ich da Gespräch.

Stolz erfüllte mich - endlich mal konsequent geblieben!

3 Minuten später rief mich die Rektorin persönlich an, um mir mitzuteilen, dass es sich um einen Sportunfall handelte und unser Großer nicht mehr im Stande war zu laufen.

Der Orden zur Mutter des Jahres war mir sicher.

Schlechten Gewissens packte ich schnell den Kleinen ein und fuhr zur Schule.

Der Verletzte saß zusammengekauert auf einem Stuhl,

der Fuß unter zig Kühlpads versteckt.

Er flüsterte nur "Sorry" und blickte betreten zu Boden.

Mein schlechtes Gewissen machte mir arg zu schaffen,

erst recht als ich die getrockneten Tränen und den baseballdicken Knöchel sah.

Der Großstadtverkehr vom Vortrag steckte mir noch in den Knochen,

also fuhren wir ins nächstgelegene Dorf- Krankenhaus.

Wir kamen an und mussten zu unserer Verwunderung feststellen,

dass es keine Rollstühle gab,

d.h. ich musste beide Kinder in den Warteraum der Ambulanz tragen.

Wie gut, dass ich so stark bin!

Leider konnten wir uns dort auch nicht setzen,

weil naja sagen wir mal "Hochbetrieb" herrschte.

Nach 2 Stunden warten mit einem weinenden Kind und einem quengelnden Kleinkind war dann eine Schwester so nett mich zu informieren,

dass wir umsonst warteten,

weil Kinder in diesem Krankenhaus generell nicht geröntgt werden würden.

Wieder was gelernt!

Also zogen wir unverrichteter Dinge von Dannen.

Für den Rückweg zum Auto habe ich dann doch noch einen Rollstuhl organisieren können.

Um nicht weitere 45 Minuten im Auto zu sitzen,

beschlossen wir dann zum örtlichen Orthopäden zu fahren -

nein, ich weiß nicht wieso ich da nicht vorher darauf gekommen bin.

Nach weiteren 2 Stunden in einem Wartezimmer bekam ich langsam Panik,

denn mein Handyakku hatte noch 2% und ich war mir nicht sicher wie mein Kleiner

(ohne Mittagsschlaf) reagieren würde, wenn Peppa Wutz plötzlich verstummte und

ich keine Zeit mehr hatte den Großen von den Schmerzen abzulenken.

Gerade noch rechtzeitig erhielten wir dann die Diagnose "Kapselriss im Sprunggelenk".

4 Wochen Ruhe - 4 Wochen kein Fußball - mind. 3 Wochen kein Fahrrad

und 2 Wochen stillhalten...

Wie passend, denn man nächsten Tag begannen die 2 wöchigen Pfingstferien.

Tag 3

Mein liebster Ehemann war zwischenzeitlich gut in Frankreich angekommen und konnte sich schon ein Bild der anwesenden Fußballspielerinnen machen,

die Fußballerinnenbeine ließen allerdings zu wünschen übrig.

Mein Mitleid hielt sich in Grenzen.

Auch deshalb, weil er es vor seiner Abfahrt nicht mehr geschafft hatte,

die Dachterrasse seiner Altersvorsorge zu streichen.

Da die Mieter aber bereits seit längerem darauf warteten -

nutzte ich am nächsten Tag die Zeit um dies für ihn zu erledigen.

Aber Streichen macht ja schließlich Spass!

Da Oma ja noch da war übernahm sie die Kinderbetreuung für den Vormittag.

Tag 4

Weitere temporäre Abschiede standen ins Haus.

Meine beste Freundin verabschiedete sich in den Urlaub

um zu ihren Schwiegereltern über den großen Teich zu fliegen,

ebenfalls für 4 Wochen.

Meine Schwiegermutter startet für eine Woche zum Wellnessen -

ohne Hund.

Tag 5

Während sich mein Tag um täglich 2x Gartengießen und 3x Gassigehen erweiterte, empfing der Große seinen ersten Krankenbesuch.

Ich saß in Omas Garten und bespaßte 4 Jungs mit dem Gartenschlauch.

Bis ein Ball auftauchte war die Stimmung gut...

Frustriert und eingeschränkt im Schuss kommandierte mein Großer

seine Freunde und mich herum - in bester Gaddafi- Manier.

Da wir nicht alle bereit waren uns an seine Anweisungen zu halten, zeigte das Vor-Puber-Tier seine Zähne und verzog sich beleidigt ins Zimmer.

Aber als wir kurz darauf die Alexa im Wohnzimmer zu glühen brachten,

gesellte er sich dann doch geknickt wieder zu uns.

"Dieser blöde Scheiß-Fuß!"

Er tat mir leid – ich tat mir leid.

Abends nach dem Gassi gehen musste ich wieder den Garten gießen.

Das letzte Mal, denn dann kam das Unwetter....

Tag 6

Nach einem ruhigen und heißen Tag,

begann am Nachmittag dann der Regen und damit auch der Hagel.

Golfballgroße Hagelkörner prasselten auf unser Auto und in

Omas wohlgehegten Garten herunter.

Die Gullis liefen über und das Kleinkind und der Hund verfielen langsam in Panik.

Erst nach unzähligen Beruhigungsversuchen hatten wir Zeit das Treiben vom geschützten Wohnzimmer aus zu betrachten.

Nach dem das Unwetter weitergezogen war begutachtete ich mit Kleinkind auf dem Arm

(ganz beruhigt schien er noch nicht zu sein),

humpelndem Kind und Hund im Schlepptau das Heiligtum meiner Schwiegermutter.

Die geliebten Rosen, die Dekostücke, die Blumen sogar das Gartenbeet waren verwüstet und komplett hinüber.

Nach einer weiteren Runde Gassi gehen mit dem Hund musste ich feststellen,

dass sich ein Wasserschlauch gelöst hatte und seitdem kübelweise Wasser in Omas Kellerschacht schoss.

Panik kroch mir in die Knochen,

doch der Kontrollgang im Keller beruhigte mich.

Alles war dicht geblieben und der Ablauf hatte seine Arbeit erledigt

- immerhin -

und gießen musste ich die nächsten Tage auch nicht mehr.

Tag 7

Am nächsten Tag informierte ich Oma telefonisch über das Desaster.

Als sie mich fragte ob ich unseren eigenen Kellerraum ebenfalls kontrollierte hatte,

schwante mir Böses.

Sie sollte Recht behalten.

Omas Keller war trocken geblieben, unserer nicht.

Ich öffnete die Kellertür und stand knöchelhoch im Wasser.

Unser Ablauf war leider voller Blätter und Hagelkörner

(ja, auch am Tag danach lagen diese noch da)...

Also habe ich den Mittagsschlaf des kleinen Prinzen genutzt und Wasser geschippt.

Kartons entsorgt und den Kellerschrott so gut es ging getrocknet.

Der Große schonte sich derweilen vor dem Fernseher,

mit hochgelagertem Fuß und einer Tüte Chips.

Den Orden würde ich auf jeden Fall erhalten.

Man kann es sich kaum vorstellen, aber die abendlichen Skype- Gespräche mit dem arbeitenden Ehemann waren nicht wie gewohnt sexy und aufregend,

sondern eher ernüchternd und angespannt.

Er vermisse mein Lächeln und die immer gut gelaunte Frau die er kennengelernt habe.

Ja, ich vermisste sie auch.

Tag 8-9

Die Tage zogen ins Land und langsam machte sich Unruhe bei dem Großen breit.

Das Fußball- und Fahrradverbot zehrte an unser aller Nerven.

Das Gassi- gehen an diesen Tagen war eine schöne Abwechslung.

Ich beschloss zu einer Freundin aufs Land zu fahren.

Der Große hatte allerdings "keinen Bock" und wollte zu einem Freund.

Bewaffnet mit Krücken und Schiene lieferte ich ihn also ab und lenkte mich mit Himbeermilch und Sandburgen vom Alltag ab. Sogar einen echten Traktor gab es zu bestaunen - der kleine Mann war begeistert!

Als ich meinen Fast-Teenager abends abholte, wartete die Mutter seines Freundes bereits am Zaun. Es erwartete mich eine ordentliche Standpauke, da unser Kind hustete und sie nicht begeistert sei, weil die Familie morgen in den Urlaub fahren würde.

Sie hoffe für mich, dass sich niemand angesteckt habe.

Nach einem schnellen Happy-Meal und noch schnellerem Gassigehen endete auch dieser Tag unendlich müde und erschöpft.

Tag 10

Letzter Tag mit Hund und wie sollte es anders sein -

das Hundefutter ging aus.

Am nächsten Tag sollte Nachschub geliefert werden, aber ich konnte ich das Abendessen nicht ausfallen lassen. Die traurigen Hundeaugen und das Gewinsel haben mich überzeugt nochmals los zuradeln und eine Dose Chappi zu besorgen.

Ich muss dazu sagen, ich komme vom Land und die mir bekannten Hunde dort leben

alle meist auf einem Bauernhof und ernähren sich von Küchenabfällen und Fleisch.

Daher konnte ich mir nicht vorstellen, was eine Dose Chappi anrichten kann.

Tag 11

Gegen 07:00 Uhr wurde ich von meinem kleinen Sohn in gewohnter Manier geweckt.

Mir stieg sofort ein beißender Geruch in die Nase und ich ahnte es bereits.

Unser 2x3 Meter großer Flauschi- Teppich im Wohnzimmer war über und über bedeckt mit flüssigem Chappi.

Der Hund kauerte mit dem Hintern an der Couch und wusste wohl genau was passiert war.

Er zog den Kopf ein und wackelte schnell zur Tür um im Garten zu verschwinden.

Wieso er mich nachts nicht geweckt hat, weiß ich allerdings bis jetzt noch nicht.

Der kleine Mann auf meinem Arm war plötzlich hellwach und wollte runter

zu seinen Spielsachen, die noch verstreut und besudelt auf dem Teppich lagen.

Ja, deshalb soll man abends immer aufräumen bevor man ins Bett geht.

Der Kleine begann zu quengeln und alles was mir einfiel, war...

Ja, war …. Peppa Wutz.

Ich packte ihn ins Schlafzimmer,

mit Banane und Fernbedienung bewaffnet lies er sich gut ablenken.

TV vor 08:00 Uhr morgens:

auch das war eine Sache, die ich bis zu diesem Zeitpunkt aufs Schlimmste verurteilte.

Ich werde natürlich für die später benötigten Therapiestunden aufkommen,

aber hätte ich diese Situation anders gelöst, hätte ich mich wohl selbst einweisen müssen.

Kind 1 also vorm TV, Kind 2 noch im Land der Träume und ich im Chaos der letzten Nacht.

Ich stellte um auf Mundatmung um und begann die Möbelstücke die auf dem Teppich platziert waren zu verrücken.

Wider Erwarten war nicht die Couch das Schlimmste,

der Granittisch trieb mich an meine Grenzen.

Als ich dann das besudelte Monstrum endlich eingerollt hatte, musste ich ihn noch aus dem ersten Stock in den Garten ziehen.

Auf der Treppe meldeten sich plötzlich meine Bandscheibe

und ich übersah den seit Tagen im Flur liegengebliebenen Schulranzen und stürzte.

Die in Mitleidenschaft gezogenen Spielzeuge fielen auf mich herab.

Ich befand mich quasi IM Auge des Scheiße Sturms.

Nachdem der Teppich endlich im Garten angekommen war

und ich mich ausgiebig geduscht hatte, fasste ich den Schulranzen nochmals ins Auge.

Wie gesagt, ich habe seit einigen Wochen nicht mehr hineingeblickt und dachte es ist Zeit Resümee zu ziehen.

Gerade richtig, wie sich herausstellte.

In jedem Heft, wirklich in jedem, musste mind. ein Eintrag nochmals geschrieben werden, weil er unvollständig oder sehr unmotiviert geschrieben war.

Meine Mittagspause war gerettet!

Schon er Hinweis beim Frühstück löste großen Gegenwind hervor.

Die Vorpubertät hält aktuell Einzug bei uns und somit die sinnlosen Diskussionen und Machtkämpfe.

Die vorangegangene Woche ohne ausreichend Bewegung tat ihren Rest dazu.

An Abschreiben war nicht zu denken, stattdessen 2 Stunden Vollterror.

Nachdem ich auf Fragen und Diskussionsanfänge nicht mehr reagierte und nur immer wieder auf den ersten (und für diesen Tag einzigen) Eintrag deutete, verfolgte mich der verletzte Junge quer durch die Wohnung und prasselte mit Vorwürfen, Gegenargumenten und Kraftausdrücken auf mich ein.

Und irgendwann....

Irgendwann verlor ich die Nerven...

Dummerweise hatte ich genau zu diesem Zeitpunkt eine Flasche Hustensaft in der Hand, welche dann geräuschvoll auf dem Boden aufschlug und zerbrach.

Natürlich war der Kleine sofort wach und nicht mehr bereit seinen Mittagsschlaf fortzusetzen.

Der Große aber verstand nun den Ernst der Lage und trat mit seinem Heft in der Hand den Rückzug an.

Während ich versuchte den Boden und die Wände zu reinigen,

tat der kleine Mann alles daran die klebrige Masse überall in der Wohnung zu verteilen -

mit Erfolg.

Aber immerhin, der erste Eintrag wurde währenddessen fehlerfrei abgeschrieben.

Das Gespräch mit meinem Mann abends war wieder wenig prickelnd dafür aber tränenreich.

Mein Mann fragte mich abends ob ich depressiv geworden war - ich wusste es nicht.

Tag 12

Am nächsten Tag sollte meine Schwiegermutter nach Hause kommen.

Ich hatte wieder jemanden zum Reden! Endlich!

Naja und jemanden der die Kinder für 2 Stunden mit auf den Spielplatz nahm,

sodass ich mich in Ruhe um die klebrige Wohnung kümmern konnte.

Tag 13-14

Die Tage dümpelten vor sich hin.

Es war heiß, aber Baden ohne den Großen wäre gemein gewesen und deshalb versuchten wir uns wieder mit dem Gartenschlauch Abkühlung zu verschaffen.

Während des Mittagsschlafes versuchten wir in Ruhe die nachzuholenden Einträge zu erledigen – angespannt aber zumindest erfolgreicher als beim letzten Mal.

Der Hustensaft steckte uns beiden wohl noch in den Knochen

- und an der Flurwand.

Mein Mann berichtete indes von tagelangem schlechten Wetter und seinen Unmut darüber abends nicht draußen sitzen zu können.

Mein nicht vorhandenes Mitleid wandelte sich langsam aber sicher in Neid um.

Tag 15

Auch wir verabschiedeten uns nun von Zuhause.

Die zweite Pfingstwoche war für einen Kurzurlaub in meiner Heimat reserviert.

Niederbayern!Die Hitze hielt an.

Ich packte das Auto voll mit Koffern, Kinderwagen und Mitbringseln.

Sogar die Matratzenschoner fanden noch Platz,

da es in meiner Heimat eine Großwäscherei gibt, die mir alle zum Schnäppchenpreis reinigen würden.

In München würde ich für dieses Geld wahrscheinlich 2 Hemden gereinigt bekommen.

Tag 16

Endlich angekommen lieferte ich die Kinder bei meiner Mutter ab und brachte die Schoner zur Reinigung.

Dort wurde mir erklärt, dass sie dies eigentlich nicht mehr machen würden, da es einige Beschwerden gab, weil die gereinigten Schoner zwar sauber aber auch kleiner wurden.

Ich nahm das Risiko in Kauf.

Die Kinder genossen die Zeit bei Oma sichtlich.

Meine Mutter, die die Freiheiten als weit weg lebende Oma stehts genoss verwöhnte meine Jungs nach allen Regeln der Großmutterkunst.

Die Fernsehzeit wurde zwar eingehalten,

die Zeiten davor und danach wurden allerdings mit Computer, Handy und Tablet kompensiert - zumindest bei dem Großen.

Begeistert darüber war ich nicht, gerade im Hinblick auf die Noten und die aktuellen Diskussionsvorfälle.

Auch als der kleine Mann lernte Wasserhähne aufzudrehen hielt sich meine Begeisterung in Grenzen.

Aber als ich sah wie glücklich alle waren, versuchte ich mein Nörgeln zu unterdrücken.

Ich genoss es mich mit dem Kleinen tagsüber hinlegen zu können um wieder etwas Energie zu tanken,

während mein Mann in Frankreich mittlerweile besseres Wetter genoss.

Tag 17

Der Besuch bei meinem Vater stand an.

Ein weiterer Termin vor dem ich mich lange gedrückt hatte

-nicht wegen meines Vaters-

sondern wegen meines eigenen schlechten Gewissens.

Mein Vater war zum Zeitpunkt meiner Geburt bereits 53 Jahre alt.

Was nach Adam Riese bedeutet, dass er dieses Jahr seinen 84ten Geburtstag feiern darf.

Der Zahn der Zeit nagte andem sonst so stattlichen Mann.

Seine Beine machten mittlerweile nicht mehr das was sie sollten und er wirkte kraftlos.

Die Tatsache, dass er noch immer alleine und abgeschieden wohnt

bereitet mir seit Jahren Bauchschmerzen.

Bei diesem Treffen aber Besonders...

Gespräche über die Zukunft verliefen, wie immer, ins Leere.

Ein Mann der den 2ten Weltkrieg noch mitbekommen hat

macht sich wohl einfach keine Gedanken über die Zukunft.

"An oidn Bam verpflanzt ma ned"

"I zieh erst um, wenns mi im Sarg zur Tür naus tragts"

Auch eine Notfalluhr oder eine "Assistentin" standen ebenfalls nicht zur Debatte.

Er lenkte das Gespräch in Richtung Enkelsöhne.

Der Große war bei Oma geblieben - die Dauerbestrahlung durfte ja nicht abreißen.

Der Kleine und mein Vater verstanden sich gut und steckten sich mit ihrer Begeisterung für Traktoren und Autos gegenseitig an.

Es war schön zuzuschauen, wie diese weit entfernten Generationen den Vormittag zusammen verbrachten.

Leider musste mein Vater irgendwann feststellen, dass die mitgebrachten Modellautos fast alle amerikanisch waren und mein Sohn unseren Familiennamen nicht weitertrug.

Shame on me!

Gegen Mittag waren alle bereit für den Mittagsschlaf und wir verabschiedeten uns.

Das Treffen mit meinem Vater wollte mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gehen.

Ich machte mir Sorgen:

Trank er genug?

Was war wenn er stürzte?

Dachte er auch an seine Medikamente?

Die verdrängten Sorgen krochen unter dem Bett hervor und hielten mich vom Schlafen ab.

Daher war ich noch wach als sich mein Mann zu später Stunde meldete.

Es war Grillfeierzeit in Frankreich.

Beschwipst und begeistert informierte er mich, wo wir uns wiedersehen sollten.

Ohne Kinder - ein paar Tage nur für uns.

Gedankenverloren hörte ich zu und berichtete schließlich von meinem Vater.

Traurig hörte er zu und hätte ich genauer hingesehen,

hätte ich seine Enttäuschung über meine nicht vorhandene Freude zur Reise sehen müssen.

Tag 18

Meine Mutter musste arbeiten und ich fuhr mit den Kindern auf den Bauernhof.

Mein bester Freund lebte mit Hunden, Ziegen, Schweinen, Pferden und Eseln auf dem schönsten Hof in der Umgebung.

Sogar Rinder konnten wir streicheln.

Ich genoss gute Kaffee und die glücklichen Kinder die zwischen den Tieren herumfetzten.

Wieder einmal fiel mir der Starke Unterschied zwischen Stadt und Land auf.

Ich vermisse das Land!

Eigentlich wollten wir nochmals zu meinem Vater, der entschuldigte sich aber wegen der Hitze und vertröstete uns auf den nächsten Tag.

Abends saß ich dann zum ersten Mal seit langem mit meiner Mutter in Ruhe auf dem Balkon.

Sie wies mich darauf hin wie angespannt ich wirkte.

Ich wusste, dass sie Recht hatte - niemand kennt mich schließlich so wie sie -

und ich erklärte ihr nochmal was mir alles durch den Kopf schwirrte.

Meine Mutter die sich ihr Leben lang mit Krafttiere, Esoterik und Positive-thinking beschäftigte versuchte mich aufzubauen.

Ich wollte nicht aufgebaut werden – ich wollte bemitleidet werden!

Der zickige Teenager war plötzlich wieder da.

Das zickige Mädchen, das einfach dagegen sein musste.

Als ich dann hörte, dass ich zu einer bösen verbitterten Frau geworden war

ging ich ins Bett.

Schlaflos wartete ich auf den Anruf meines Mannes.

Wohl noch gekränkt vom Vortag hatte er mehr Augen für die Sportschau als für mich und nickte nur ab und an zustimmend mit dem Kopf.

Vielleicht hatte meine Mutter ja Recht?

Tag 19

Ich war noch immer beleidigt und gekränkt und lies den Tag ins Leere laufen.

Mein Vater wollte den Feiertag bei seiner Freundin verbringen und uns morgen zum Frühstück vor Abfahrt treffen.

Wir verbrachten den Tag am Spielplatz und ließen uns Treiben.

Nachdem wir uns nachmittags alle ausruhten fuhren wir in einen Biergarten

- dort sollte es sogar ein Känguru geben.

Dem war es allerdings wohl auch zu warm und es lies sich nicht Blicken.

Dafür gab es wieder Pferde und Ziegen zu sehen.

Als abends der langersehnte Regen begann saßen wir alle zusammen auf dem Balkon.

Wir beobachteten das Treiben, lauschten dem Wind und suchten den Himmel nach Blitzen ab.

Es war sehr harmonisch und schön.

Wieder packte mich das schlechte Gewissen.

Meine Mutter hatte sich so auf uns gefreut und ich war nur genervt und garstig zu ihr gewesen.

Ich musterte sie lange, auch sie war nicht jünger geworden.

Sie war jetzt Oma und so unglaublich glücklich damit.

Wir saßen lange draußen und genossen die Stimmung.

Dennoch freuten wir uns auf Zuhause.

Tag 20

Meine Mutter musste früh arbeiten und so fuhren wir früh los.

Mein Vater war wider Erwarten nicht erreichbar.

Dies beunruhigte mich aber nicht, ich kannte das bereits von meinen letzten Besuchen.

Nachdem wir die Matratzenschoner geholt hatten, traten wir die Heimreise an.

Begleitet mit den neusten Abenteuern der 3 ???.

Langsam entspannte ich mich...

Bis 30 km vor Ankunft das Auto zu Blinken und Piepsen begann:

Motorschaden! Werkstatt aufsuchen!

Die Wut packte mich - das kann doch alles nicht wahr sein!

Ich wusste ich musste stehen bleiben, aber wer sollte uns holen?

Die Oma war im üblichen Rentnerstress natürlich unterwegs, aber was sollte sie auch machen?

Im 6ten Gang bei 60km/h barchte ich die Karre noch nach Hause.

Endlich Zuhause!

Resigniert begann ich dort auszupacken bis mein Handy klingelte.

Mein Vater, er würde seinen Enkel gerne nochmal sehen.

Das abendliche Gespräch mit meinem Mann verlief ähnlich freudlos.

Er war nicht begeistert, dass sein geliebtes Auto nun kaputt war und noch weniger begeistert von der Tatsache, dass ich es noch bis nach Hause getrieben hatte.

Tag 21 - 22

Wir genossen das Wochenende zuhause.

Die Kinder freuten sich an den Spielsachen und ich konnte meine liegengebliebenen Haushaltsarbeiten nach und nach abarbeiten.

Lediglich die abendlichen Gespräche mit Vatti machten mir Sorgen.

Noch nie schienen wir weiter voneinander entfernt zu sein.

Ich wusste nichts mehr über seine Tage in Frankreich und er schien nichts von meinen Tagen zuhause zu verstehen.

Tag 23-24

Ferien vorbei - normaler Alltag herbei.

Die Jungs waren davon nicht ganz so begeistert.

Sein Bruder verbrachte die Tage nun wieder in der Schule und Mama wurde dem Kleinen schnell langweilig.

Mir wurde klar, dass die Entscheidung ihn ab September zu einer Tagesmutter (und somit zu neuem Input) zu geben, absolut richtig war.

Ich half meiner Schwiegermutter mit den Nachfolgen des Hagelschadens

(Bilder, Versicherung, Handwerker etc.), während sie sich um unsere Verpflegung kümmerte.

Abends spielten wir Scrabble und ratschten - wie ein altes Ehepaar.

Mein Mann hatte nun die ersten Tage frei und meldete sich immer weniger.

Die Kommunikation war auf ein Minimum heruntergefahren.

Das erwartete Wiedersehen rutschte in weite Ferne anstatt näher zu kommen.

Tag 25

Die Hitzewelle kam zurück.

Ohnmächtige Kinder in der Schule und 28 Grad im Kinderzimmer trieben uns spät nachmittags doch noch zum See.

Der Fuß des Großen verheilte gut, Rad fahren durfte er auch wieder und ich wollte dem Kleinen das Baden wieder ein bisschen näher bringen.

Nach einem kleinen Pool-Unfall im letzten Urlaub, war Wasser nach wie vor ein rotes Tuch für ihn.

Die letzten Besuche an unserem Badesee endeten immer mit einem erschöpften Kind und einer entnervten Mama.

Dieses Mal ging es aber nicht an den See sondern zum Dorfweiher.

Das sehr widerwillig, aber ich hatte keine Kraft für eine erneute Diskussion mit dem Sohnemann und gab nach – zum Glück!

Ich fand mein eigenes kleines Paradies.

Sooft habe ich diesen Ort schon gesehen, aber nie war ich auf die Idee gekommen hier zum Baden herzukommen. Ich musste mir eingestehen, vielleicht öfters auf meine Kinder zu hören.

Ein Sandspielplatz am Ufer eines langen seichten Strandes, kaum Menschen und zur Krönung noch 2 Traktoren auf dem Feld nebenan.

Der Kleine betrachtete fasziniert die großen Fahrzeuge, der Große fing Kaulquappen mit seinen Jungs.

Lediglich Durst und Hunger trieben die Jungs zurück auf meine Decke.

Der erste rundum entspannte Tag in 25 Tagen!

Ich dachte nicht einmal mehr an die schlechte Stimmung im fernen Frankreich.

Bis ich abends die Bilder in unserem gemeinsamen Handyspeicher sah.

Vatti hatte wohl eine Radltour gemacht, anscheinend genoss er seine freien Tage.

Meine Polizistentochter-Augen erkannten die Umrisse seiner Radlbegleitung in seiner Sonnenbrille.

Sie war eine Frau und sie war hübsch.

Kribbeln stieg in mir hoch.

Ich blieb extra wach um ihn zur Rede zu stellen, selbst überrascht von meiner Wut.

Als er auch noch die Augen rollte reichte es mir, ich machte ihm eine filmreife Szene und legte auf…

An Schlaf war nicht mehr zu denken.

Gottseidank hatte ich eine Freundin mit ähnlichen Problemen

und wir quatschten via Sprachnachrichten die halbe Nacht durch

(Danke Facebook, ohne dich hätte ich sie niemals gefunden).

Tag 26

Funkstille!

Ich fuhr schon vormittags zum Weiher um das ständige Kribbeln in mir zu unterdrücken.

In jeder Minute in der er sich nicht meldete wurde ich nur noch wütender.

Nachmittags kam meine Freundin zu Besuch und wir gingen mit den Kindern wieder zum Weiher. Es war so schön!

Ich fragte mich wirklich wieso ich keine Frau geheiratet habe.

Sie verstand mich, sie unterstützt mich.

Ich konnte sogar eine ganze Runde schwimmen während sie mir den Kleinen abnahm.

Ein Zelt am Weiher wäre das richtige für mich, ich würde dort hinziehen und den Mann Mann sein lassen.

Ab und an könnte er mich mit dem Rad besuchen - Radfahren war ja anscheinend sein neues Hobby.

Abends hielt ich es nicht mehr aus.

Ich rief ihn an.

Ich war nicht wütend wegen der Frau,

ich war wütend, weil ich mich nicht gehört fühlte-

ich war wütend, weil ich alleine war-

ich war wütend, weil es nicht so gelaufen ist wie immer,

ich war wütend, weil wir nicht redeten,

ich war wütend, weil er in Frankreich und ich zurückgeblieben war – mit all den Problemen.

Ich war so unglaublich wütend!

Plötzlich redeten wir…

Wir redeten lange...

Das erste Mal, seitdem uns der Scheiße- Sturm erreicht hatte.

Und es tat gut. DAS war es was ich vermisst hatte!

Ich erfuhr von tagelangem Regen,

von ständigem Packen,

von langen Busfahrten,

von langen Tagen,

von unbequemen Zimmern,

von so gut wie keinem WLAN und aufgebrauchtem Datenvolumen…

…und ich merkte…

Hatte ich ihm denn jemals richtig zugehört?

Wir hatten beide wohl nicht unsere besten Wochen, aber ein Ende war in Sicht.

Tag 27

Der Sturm hatte sich gelegt. Endlich!

Am Morgen, als die üblichen Arbeiten erledigt waren und ich den Spiegel putzte sah ich nach langer Zeit mal wieder bewusst in den Spiegel. Ich erschrak!

Wer war diese alte, kaputte Frau da vor mir?

So konnte ich ihm nicht gegenübertreten!

Es war an der Zeit zur Grunderneuerung.

Wenigstens diese Sache sollte so ein wie immer.

Nicht unbedingt wegen meinem Mann, vielmehr wegen mir.

Ich begann die Wohnung Wohnung sein zu lassen und kümmerte mich abends nu um mich.

Haarentfernung, Gesichtsmaske, Maniküre/ Pediküre

alles was das Frauen- Beauty- Herz begehrt.

Ich freute mich immer mehr auf unser Wiedersehen, auf ein paar Tage im „Off“.

Tag 28 (Abfahrt)

Der Tag ist gekommen.

Die Kinder waren versorgt, Mama gepimpt und Papa auf dem Weg.

Wir wollten uns nicht in Paris treffen,

wir beide waren schon dort,

zu einer anderen Zeit,

mit anderen Erinnerungen.

Wir wollten uns in unserer Stadt treffen,

in Amsterdam…

...und in Amsterdam sollte der Scheiße-Sturm dann enden...