Von Bad Birnbach nach Ägypten und zurück
Uwe Schneider wanderte mit seiner Frau nach Ägypten aus und entdeckte dort mit über 60 seine Leidenschaft fürs Apnoe-Tauchen

Bad Birnbach. 22 Meter unter der Wasseroberfläche herrscht absolute Stille. Kein Stimmengewirr, kein Straßenlärm, nur der eigene Herzschlag. Für Uwe Schneider ist dieser Moment der Inbegriff von Ruhe. Mit nur einem Atemzug taucht der 67-Jährige ohne Sauerstoffflasche in die Tiefen des Roten Meeres. Fast zwei Minuten hält er die Luft an. Dass ausgerechnet diese Leidenschaft sein Leben einmal verändern würde, hätte der langjährige
Restaurantleiter aus dem Rottal früher selbst nicht geglaubt. Viele kennen Schneider noch
aus seiner Zeit bei „Weko“. Fast zwei Jahrzehnte leitete er dort das Restaurant, ehe ihn sein Lebensweg mit fast 60 Jahren noch einmal in eine völlig andere Richtung führte. Gemeinsam mit seiner Frau Susanne wanderte er 2015 beruflich nach Ägypten aus – ursprünglich für ein Jahr. Am Ende wurden daraus zehn. Geboren wurde Uwe Schneider 1958 im sachsen-anhaltischen Dessau. Seine Kindheit nahm früh eine entscheidende Wendung: 1963 floh seine Mutter mit ihm, seinem Bruder und der Großmutter aus der DDR nach Nürnberg. Dort wuchs er auf und wollte zunächst Elektroniker oder Radio- und Fernsehtechniker werden. „Dafür hatte ich wohl zu wenig Talent – das ist aber auch okay so“, sagt er heute schmunzelnd. Eine Lehrerin erkannte seine Stärke im Umgang mit Menschen und empfahl ihm eine Ausbildung in der Gastronomie – eine Entscheidung, die sein weiteres Leben bestimmen sollte. Nach der Lehre im Hotel Deutscher Hof in Nürnberg legte Schneider 1981 die Meisterprüfung als Restaurantmeister ab. Es folgten sechs prägende Jahre in der Gourmetgastronomie. Den Rat seines Stiefvaters, „geh niemals ins Bierzelt“, beherzigt er bis heute. Seine beruflichen Stationen führten ihn neben Garmisch- Partenkirchen unter anderem auch bereits ins Ausland, in London arbeitete Schneider einige Jahre.
Vom Restaurantleiter
in die ägyptische Wüste
1989 verschlug es ihn erstmals nach Niederbayern. Als Restaurantleiter eines Kurhotels in Bad Füssing lernte er Region und Menschen schätzen, später baute er bei Hiendl in Passau das SB-Restaurant mit auf. 1993 wechselte Schneider zu „Weko“, wo er bis 2011 das Restaurant leitete. Neben Einkauf, Qualitätssicherung und Personalplanung führte er ein Team von 38 Mitarbeitenden. Besonders geprägt hat ihn die wertschätzende Unternehmenskultur und die Erfahrung, wie viel gutes Miteinander und gegenseitiger Respekt bewirken können. Dass diese Jahre bis heute nachwirken, erlebt er immer wieder: Erst kürzlich sprach ihn eine ehemalige Mitarbeiterin an, die er einst selbst eingestellt hatte und die inzwischen ihr 40-jähriges Firmenjubiläum feiern konnte. Solche Begegnungen, sagt Schneider, seien für ihn die schönste Bestätigung seiner Arbeit. Nach einem Sabbatjahr machte sich Schneider als Coach für Hotellerie und Gastronomie selbstständig, arbeitete als IHK-Prüfer und Knigge-Trainer. Eigentlich schien der berufliche Weg vorgezeichnet. Doch im Frühjahr 2015 entdeckte er auf Facebook eine Stellenausschreibung einer deutschen Hotelschule im ägyptischen El Gouna. Die Idee ließ ihn nicht mehr los. Eine Woche später saß er bereits im Flugzeug zum Vorstellungsgespräch. Danach ging es für ihn dann spontan auch das erste Mal zum Tauchen mit künftigen Kolleginnen und Kollegen. Wieder zurück
stellte er seiner Frau eine ungewöhnliche Frage: „Magst du mit mir in die Wüste gehen?“ Die Antwort kam ohne Zögern: „Ja. Spontan gefragt würde ich Wüste immer vorziehen“, berichtet sie. Das Paar, das vorher noch keine Berührungspunkte mit dem arabischen Land hatte, packte dann im August seine drei Koffer und startete in ein neues Leben. Alles Andere blieb eingelagert. „Wie das Leben halt so spielt. Die Karten wurden neu gemischt“, beschreibt Ehefrau Susanne diese Zeit. Geplant war, wie in den örtlichen Arbeitsverträgen üblich, erst einmal ein Aufenthalt für ein Jahr – am Ende sollten zehn daraus werden. Zweifel hatten die beiden, nach eigner Aussage nicht, das Vertrauen ineinander war stets gegeben.
Noch skeptische Familienmitglieder wurden bei den ersten Besuchen in der neuen Wahlheimat schnell überzeugt. Gearbeitet hat Schneider an der Deutschen Hotelschule El Gouna, einem deutschsprachigen Berufsbildungsprojekt mit anerkanntem IHK-Abschluss. Schneider unterrichtete Servierkunde, Getränkekunde, Warenwirtschaft und die praktische Ausbildung, später leitete er den kompletten Fachbereich Gastronomie. Rund 260 Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren absolvieren dort jedes Jahr ihre Ausbildung, um im Nachgang u.a. auch in Deutschland zu arbeiten. Durch seine Tätigkeit lernte Schneider nicht nur die Touristen- Hot Spots Ägyptens kennen, auch das Hinterland und entlegene Ortschaften entlang des Nils konnte er bereisen, um die Chancen der Ausbildung auch in ländlichere Regionen zu bringen. „Das ist dort eine große Chance für junge Menschen“,
erklärt Schneider. Auch seinen Kindheitstraum vom Elektroniker konnte er in El Gouna ausleben. „Er führte zum Beispiel das Netzwerk- Drucken an der Schule ein. Er war der interne EDVler der Schule“, erzählt Susanne stolz. „Der Unterricht und die Arbeit an der Schule waren mein sanfter Ausstieg aus der Gastronomie“, sagt Schneider rückblickend. Der
Kontakt zu Menschen blieb – nur wurden aus Gästen Schülerinnen und Schüler. Beeindruckt hat ihn vor allem deren Motivation. Trotz langer Arbeitstage seien viele Jugendliche mit bemerkenswertem Ehrgeiz bei der Sache gewesen. Die ungebrochene Neugierde, der Wille
zu lernen und die Disziplin der Auszubildenden, habe ihn nachhaltig beeindruckt. Noch heute hält er Kontakt zu ehemaligen Absolventen. Einige arbeiten inzwischen sogar im Rottal. Auch privat begann für das Paar ein neues Leben. Susanne lernte Arabisch, fand Freundschaften mit Menschen aus aller Welt und war überrascht von der Offenheit und
Kinderfreundlichkeit der Ägypter, ebenso von den langen Gebirgszügen, die sie in Ägypten nicht erwartet hatte. Statt Schichtbetrieb und langen Arbeitstagen bis in den Abend hinein, blieb nun Zeit für gemeinsame Unternehmungen. Eigentlich wollte Uwe Schneider am Roten Meer Kitesurfen lernen. Das viele Equipment schreckte ihn jedoch ab. Ein Freund brachte den damals 64-Jährigen zum Apnoetauchen – einer Sportart, bei der ausschließlich mit einem Atemzug getaucht wird. Anfangs schaffte er zehn Meter Tiefe. Heute erreicht er
bis zu 22 Meter. Im Ruhezustand kann er zweieinhalb Minuten die Luft anhalten.
Ein Hobby bringt innere Ruhe
Doch Zahlen sind für ihn zweitrangig. „Viele denken beim Tauchen an Abenteuer. Für mich ist es die absolute Ruhe“, sagt Schneider. Meditation, Atemtraining, Tai-Chi und Fitness gehören deshalb ebenso zum Sport wie die Fähigkeit, den eigenen Kopf völlig herunterzufahren, denn „Auch das Gehirn braucht Sauerstoff.“ Seine Frau bemerkte die Veränderung schnell. „Früher war er wie ein Duracell- Häschen“, erzählt sie lachend.
„Das Tauchen hat ihn ruhiger gemacht und zu seiner Mitte gebracht.“ Unvergessen bleiben
für Schneider Begegnungen mit Delfinen, die ihn auf mehreren Tauchgängen begleiteten. „Das sind Momente, die man nicht beschreiben kann.“ Auch im Rottal ist für ihn das Apnoetauchen nicht abgeschlossen, sein Ziel: Tauchgänge auf 30 Meter Tiefe ohne
Sauerstoffflasche. „Vielleicht mit 70 dann“, grinst Schneider. Im vergangenen Frühjahr kehrten Uwe und Susanne Schneider nach Bad Birnbach zurück – fast genauso spontan wie sie einst aufgebrochen waren. Aus drei Koffern waren jedoch elf geworden. Heute genießt das Paar die Zeit mit den Kindern und Enkeln, Spaziergänge durch Wald und Natur und das
Wiedersehen mit Freunden. Vermisst werden aber das Wetter, das Rote Meer und das Apnoe-Tauchen. „Es ist wie ein Wieder-Ankommen. Wir entdecken viele neue Dinge, aber auch alte Dinge werden auf neue Weise wiederentdeckt“, beschreibt das Ehepaar die Rückkehr. An das regelmäßige Leeren des Briefkastens mussten sie sich erst wieder gewöhnen. „Wir haben zehn Jahre ohne gelebt und das ging genauso“, lachen sie.
Den Schritt nach Ägypten bereuen beide bis heute nicht. Mitgenommen aus dieser Zeit haben sie mehr Gelassenheit, Ruhe und Entspannung. Zurückziehen würde es sie dennoch nicht mehr. Das Kapitel Ägypten haben sie hinter sich gelassen, zu sehr haben sie die Heimat
wieder schätzen gelernt und zehren von den gemachten Erfahrungen. Genau ein Jahr nach ihrer Rückkehr nach Niederbayern gaben die Beiden sich dann, nach über 13 Jahren Beziehung, im Juni 2026 das Ja-Wort. Ein krönender Start in eine neue Lebensphase.
Was von zehn Jahren am Roten Meer geblieben ist, fasst Uwe Schneider in einem Satz zusammen: „Einfach mutig sein und über den Tellerrand hinausschauen. Sei offen für Alles – leben und leben lassen.“ Vielleicht ist genau das ihr größtes Talent: Immer wieder tief
Luft zu holen, loszulassen und sich auf das einzulassen, was hinter dem nächsten Horizont wartet.
(Katharina Raeck - veröffentlicht am 21.09.2026 im Rottaler Anzeiger)




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