Pfarrer Thomas Gruber

Hallberger Gschichtn

Wo 1988 gut 4.000 Einwohner gezählt wurden, leben heute über 11.000 Menschen. Doch wer wohnt hier in Hallbergmoos eigentlich? Längst kennt nicht mehr jeder jeden. In der Serie „Auf an Ratsch…“ wollen wir Ihnen die bekannten und unbekannten Persönlichkeiten unseres Ortes vorstellen. Den Anfang macht Pfarrer Thomas Gruber. Kennengelernt habe ich - das ungetaufte Heidenkind - den katholischen Priester auf der Weihnachtsfeier der katholischen Frauen Goldach im letzten Jahr. Fasziniert sah ich dem Geistlichen damals beim Gitarre spielen zu. Noch nie zuvor habe ich einen Pfarrer mit einer Gitarre gesehen. Als ich gehört habe, dass er nicht nur Weihnachtslieder in Petto hat, sondern auch bereits in frühen Jahren in Projekt- Bands gespielt hat und damals leidenschaftlicher EAV – Hörer war, stand meine Welt plötzlich Kopf. So einen katholischen Priester kannte ich bisher nicht. Deshalb freut es mich umso mehr, heute über ihn berichten zu dürfen. Bereits seit 2017 hält Pfarrer Thomas Gruber seine Hand über rund 4.500 Schäfchen in Hallbergmoos/ Goldach. Doch auch Menschen anderen Glaubens oder Menschen ohne Glauben finden bei ihm stets Gehör und eine offene Tür. „Ich möchte allen Menschen offen gegenübertreten. Denn in jeder menschlichen Beziehung steckt ein Strahl des Geistes Gottes. Gott ist immer dabei.“, erklärt er mir. Auch die Kirche muss in Zeiten von Corona auf die persönlichen Begegnungen verzichten. So hält Pfarrer Gruber die täglichen Messen alleine ab. Doch die Verbindung zu den Menschen verliert er dennoch nicht. Mit einer Videobotschaft zu Ostern, mit einem interessanten Block auf der Website oder auch mit einfachen WhatsApp- Nachrichten, bleibt der Geistliche präsent. Der Dialog und Austausch sei sein wichtigstes Werkzeug. So ist auch mein zweites Treffen mit dem modernen Priester virtuell. Er begrüßt mich fröhlich mit einem Kaffee in seiner Pfarrküche. Schnell kommen wir ins Ratschen, während seine beiden Katzen im Hintergrund um die Aufmerksamkeit ihres Herrchens buhlen. Kein Wunder, denn wie ich erfahre, feiern Totschka und Palotschka am Tag unseres Interviews Geburtstag. Tierlieb sei er immer schon gewesen, berichtet er mir.


Pfarrer Gruber mit Katze Palotschka.

In Mühldorf am Inn, als zweites Kind einer großen Bauersfamilie aufgewachsen, komme die Affinität zu Tieren auch nicht von ungefähr. Streng katholisch sei er nicht erzogen worden, dennoch gehörte der sonntägliche Gang zur Kirche seit jeher zu seinem Leben. Mit 10 Jahren ging er den ersten Schritt in sein zukünftiges Leben in den Diensten der Kirche. Nach dem Tod von Papst Paul VI. wurden auch in seinem Heimatort Ministranten für das Requiem gesucht. Der junge Bub ergriff die Chance: „Eigentlich war dies für damalige Verhältnisse spät. Die meisten Ministranten starteten mit der Erstkommunion.“, Die Faszination für den katholischen Glauben wuchs stets und das Vertrauen zu Gott wurde immer mehr gefestigt. Ein Freund der Familie wies ihn kurz darauf auf das Studienseminar St. Michael in Traunstein hin. Diesen Freund, der selbst Pfarrer wurde, betitelt er mittlerweile als eine Art Mentor. Auf eigenen Wunsch lies Thomas Gruber die Familie hinter sich und trat dem Jungen- Internat bei. Schnell ging es damals, lange gefackelt habe er nicht. Lachend erinnert er sich zurück: „Ich fühlte es war das Richtige, ähnlich wie bei einem Heiratsantrag. Man fackelt nicht lange, man macht es einfach.“ Das Internat, das bereits Papst Benedikt XVI. besuchte, zeigte sich schon damals weltoffen. Auch weltliche Lehrer prägten das Leben des zukünftigen Priesters. Zur Bundeswehr musste der junge Mann nach dem Abitur nicht. Das anschließende Theologiestudium befreite von der damals noch geltenden Wehrpflicht. In München wuchs der Wunsch, Gott den Menschen nahe zu bringen und der Weg zum Priester schien vorgezeichnet. Die weitreichenden Konsequenzen seiner Entscheidung waren ihm schon früh bewusst, doch der Glaube war stärker. „Es ist nicht so, dass ein Priester keine Gefühle hat. Doch ich hatte das Glück, sehr behütet aufzuwachsen und mir meiner Ziele früh klar zu sein.“, erklärt er mir. Es gab immer eine rote Linie, der er folgte. Natürlich kamen die Gedanken nach einer eigenen Familie auch ihm in den Sinn. Niemand sei ohne Zweifel. Doch er hielt an seinen Zielen fest und der rote Faden des Glaubens ließ ihn immer auf dem richtigen Weg bleiben. Eine tiefe Sinneskrise habe er nie erlebt. Sein Leben heute sehe er ein bisschen so wie das der „alten Junggesellen“ damals am Dorf, erklärt er mir, natürlich mit einem zwinkernden Auge. Aber ganz kinderlos sei er ja auch nicht, meint er. Die Arbeit mit rund 70 Ministranten und die Kontaktstunden zur Erstkommunion sind ihm seit je her eine Herzensangelegenheit. Von seiner Familie wurde Thomas Gruber von Anfang an unterstützt und bestärkt. „Sie waren immer sehr stolz auf mich. Es ist eine große Ehre seine Dienste unter Gotteshand zu stellen.“ Nach 2,5 Jahren in der Landeshauptstadt wurde Thomas Gruber angesprochen, ob er sein Studium nicht anderswo weiterführen wolle. Auch hier fackelte der junge Mann nicht lange und sein Weg führte, wie sollte es anders sein, nach Rom. Auf meine Frage, wie es denn war, in der Hochburg der Katholiken, antwortet er kurz und knapp: „In Rom wars recht italienisch, mit viel guter Pasta.“ Er spürte das erste Mal in seinem Leben, was Weltkirche wirklich bedeutete. Damals sehr schüchtern und bescheiden fand er sich zwischen Seminaristen aus aller Herren Ländern wieder. Mit Englisch und Italienisch versuchten die jungen Männer damals sich zu verständigen. „Manchmal auch mit Händen und Füßen.“, ergänzt der Geistliche schmunzelnd. „Rom war wirklich sehr beeindruckend für mich, den Jungen vom Land.“ Auch seine Priesterweihe erhielt Gruber in Rom. Fast 25 Jahre sei dies nun her. Ein besonders wichtiger Moment im Leben des jungen Geistlichen. Seine Familie reiste selbstverständlich an, um dieser Ehre beizuwohnen. Einer der Höhepunkte war der darauffolgende Papstbesuch der Familie Gruber bei Papst Johannes Paul II „Natürlich war dies ein großer Meilenstein in meinem Leben. Ich sehe es als ein großes Privileg an, dies erlebt haben zu dürfen. Ein bisschen kann man das vielleicht mit einer Hochzeit vergleichen.“, erinnert sich Thomas Gruber zurück. Nach der Priesterweihe war das Studium aber noch nicht beendet. Auch die 2 Jahre Aufbaustudium absolvierte Gruber in Rom.


Thomas Gruber nach seiner ersten Messe 1995.

Nach seinem erfolgreichen Studienabschluss 1997 kam er dann zurück in die Heimat. Er begann in Traunreut als Kaplan und Seelsorger zu arbeiten. 1999 wurde er persönlicher Sekretär des damaligen Erzbischofes Kardinal Wetter. Bereits nach 2 Jahren gab er diese Position aber wieder auf. Die Arbeit mit den Menschen fehlte ihm und er kehrte zurück zur Seelsorge. Im Jahr 2001 wurde ihm deshalb im Auftrag des Erzbischofs seine erste eigene Pfarrei zugewiesen, ebenfalls ein Meilenstein in seinem Leben. Aus dem Priester war ein Pfarrer geworden. Thomas Gruber zog nach Heufeld bei Bad Aibling. „Natürlich war dies eine große Aufgabe für mich. Und ich muss zugeben, auch manchmal etwas überfordert gewesen zu sein.“, beichtet er mir. Doch er wusste immer, man wachse an seinen Aufgaben und er vertraute auch hier auf Gottes Hilfe. Schnell gewöhnte er sich an die neugewonnene Verantwortung. Das Lampenfieber vor den Predigten ist aber geblieben.

„Lampenfieber ist normal. Das gehört einfach dazu.“ Das Zugunglück von Bad Aibling 2016 erlebte er damals hautnah mit. Der verunglückte Waggon lag in Sichtweite des Pfarrhauses. Die Nachmittags- Spaziergänge des Geistlichen führten wochenlang um das Frack herum. Auch für Pfarrer Gruber eine außergewöhnliche Situation. Doch letztendlich schweißte dies den Seelsorger und die Gemeinde noch näher zusammen. Als er im Jahre 2017, nach 16 Jahren, seine Gemeinde verlässt, um nach Hallbergmoos zu gehen, ist die Trauer groß. Er erhielt die Ehren - Medaille der Marktgemeine und wurde vom damaligen Bürgermeister mit folgendem Wort verabschiedet: „Sie haben unsere Herzen berührt und uns mit Ihrem Wirken erhellt. Sie gehen als Freund!“ „Nach 16 Jahren in einer Gemeinde bricht der Kontakt nicht einfach ab.“, schildert er mir. So kommen seine beiden tierischen Mitbewohnerinnen auch aus seiner ehemaligen Gemeinde. Aber auch in Hallbergmoos wurde er mit offenen Armen empfangen. Kurz nach seiner Ankunft wurde er vor eine erste große Aufgabe gestellt. Der Verein der kath. Frauen Goldach stand damals kurz vor der Auflösung. Pfarrer Gruber setzte sich ein, intervenierte und half dabei, den Verein am Leben zu halten. Mittlerweile erstrahlt dieser in neuem Glanz. Rund 200 Mitglieder(innen) verzeichnet der Verein heute. Die Beziehung der kath. Frauen Goldach zu Pfarrer Gruber ist seitdem eine ganz besondere. Bei seiner großen Geburtstagsfeier 2018 wurde die Beliebtheit des Geistlichen ebenfalls deutlich. Mit rund 200 Gästen feierte er seinen 50ten Geburtstag. Den christlichen Glauben der Nächstenliebe lebt er. Geschenke waren ihm nicht willkommen, dafür aber Spenden für die beiden wohltätigen Organisationen „Syrienhilfe“ und „Ecuadorhilfe“. Ob ein Geistlicher auch eine Lieblings- Saison habe, frage ich ihn. Lange überlegt er und entscheidet sich letztendlich für das vor der Tür stehende Osterfest. „Für einen Pfarrer ist dies wirklich die spannendste Zeit. Das Osterfest hat eine schöne Struktur und jeden Tag passiert etwas anderes. Weihnachten passiert kirchlich nicht soviel. Jesu Geburt und zu Jahresbeginn die heiligen drei Könige. Da ist Ostern schon mehr geboten.“, resümiert er schmunzelnd. Dem Vorwurf, die Kirche sei veraltet, weist er strikt von sich. Natürlich seien die Regeln streng, aber nicht ohne Sinn. Man müsse nur richtig damit umgehen. Alles nicht zu leichtnehmen. Wir alle seien nicht unfehlbar, doch die Achtsamkeit muss gewahrt bleiben.


Pfarrer Gruber auf dem Pfarrfest.

Als ich ihn auf seine Gitarrenkünste anspreche, lacht er. Auch ein Pfarrer habe Hobbys. Nicht nur an der Gitarre zeigt er sich begabt. Er ist ebenfalls ein leidenschaftlicher Orgelspieler. Kirchenlieder haben es ihm besonders angetan, aber auch eigene Improvisationen können ab und an durch das Pfarrhaus klingen. An die russische Sprache wagt er sich aktuell auch heran. „Ich bin halt ein Kind der Gorbaschtow- Zeit.“, begründet er seine Wahl schulterzuckend. Eine Karriere als Bischof oder gar als Papst habe er nie angestrebt. Er fühlt sich wohl, so wie es ist. Die Begegnungen sind nach wie vor das, was ihn bewegt. Die Herzen soll der Herrgott bewegen. Wie er zu anderen Religionen steht, möchte ich noch wissen. Er will dazu nicht viel sagen, da er eine Religion immer erst beurteilen könne, wenn er sie auch wirklich gelebt habe. Auch dieser Denkansatz überrascht mich, aus dem Mund eines katholischen Priesters. Gerade in Krisenzeiten wird der Glaube an Gott den Menschen wieder wichtiger. Das Gebetsleben verändere sich. „Es ist eine sehr bewegende Zeit“, berichtet er mir. Doch er versucht positiv zu bleiben. Nun habe er täglich mehr Zeit für die Menschen zu beten. Sein Vertrauen in Gott bleibt auch in Krisenzeiten – gerade in Krisenzeiten – unanfechtbar. Im bischöflichen Auftrag ist er aktuell als Seelsorger für Coronapatienten im Einsatz. Leicht sei es nicht, die Krankensalbung mit Schutzkleidung und Atemmaske zu spenden, aber gerade die Kranken und Schutzbedürftigen brauchen in dieser Zeit seinen Beistand. Er betet für alle Menschen, unabhängig vom Glauben, der Herkunft oder der katholischen Gesinnung. Wir seien alle Gottes Schäfchen. Pfarrer Gruber glaubt fest daran, dass die Krise alle letztendlich näher zusammenbringt und zeigt, was wirklich wichtig ist. Nachdenklich gibt er mir noch seinen liebsten Bibelvers mit auf den Weg: „Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt.“ Meine Meinung zur katholischen Kirche wurde mit Pfarrer Gruber nachhaltig verändert. Statt eines starren, veralteten Pfarrers habe ich einen lebenslustigen, offenen und herzlichen Menschen kennengelernt, der abseits jeder Gesinnung oder Orientierung den Menschen Halt und Kraft geben möchte. Genauso wünsche ich mir Religion und Glauben.

Für Sie berichtete Katharina Raeck

(veröffentlicht am 30.04.2020 im Mooskurier - IKOS Verlag)